Mama Allein – A, wie Angst

Der Beginn einer neuen Phase …

Als mein Exmann und ich beschlossen, uns zu trennen, kam nach der ersten Erleichterung, aus einer unglücklichen Ehe hinauszukommen, ein Gefühl der großen Angst. Sie setzte sich auf meine Brust und meine Lunge, erschwerte mir das Atmen und versetzte mein Herz in einen Zustand, bei dem ich dachte, es könnte gleich aus meiner Brust heraus springen. Ich war gelähmt und spürte mich verloren und einsam. Es war so, wie ich es so noch nie zuvor gespürt hatte…

Die Frage, die sich plötzlich auftat, war: Würde ich das Alles ganz alleine schaffen?

Mein Sohn war sieben Jahre alt, ich war seit seiner Geburt nie ganz alleine mit ihm gewesen und in der Zeit, in der ich wieder das Arbeiten begonnen hatte, waren mein damaliger Mann und ein Au-Pair Mädchen hauptsächlich unter der Woche mit ihm unterwegs. Weil ich Vollzeit arbeiten musste, damit wir uns unser Haus und den einigermaßen guten Lebensstil leisten konnten, war ich unter der Woche viel unterwegs und meist erst abends um 19 Uhr, oder später, zu Hause.

Der Schritt aus der Ehe bedeutete für mich nicht nur die Befreiung aus einem Käfig mit einem Partner, den ich nicht mehr liebte, sondern auch der Gang in ein Leben, in dem ich weder die finanziellen Mittel für ein Au Pair noch die Zeit für die Arbeit, so wie ich sie tat, aufbringen konnte.

Mit der Entscheidung zur Scheidung änderte sich schlagartig nicht nur mein Familienstand. Es änderte sich alles! Vom langweiligen Aufenthalt am Sonnenstrand geriet ich in einen Tsunami, der mich verschlang…

 

Der Auszug

Manche Paare schaffen es, sich nach der Trennung ein Haus so lange zu teilen, bis sie alles geregelt haben und jeder ein eigenes Leben aufbauen kann. Die meisten Paare aber geraten in ein Chaos, in dem es nur noch um Flucht oder Angriff oder beides geht. Bei mir kamen Flucht und Angriff.

Da ich die Entscheidung getroffen hatte, einen Eheberater aufzusuchen, der uns bereits nach der zweiten Sitzung das Ende unserer Ehe bescheinigte, hatte ich den schwarzen Peter. Ich war schon immer die Macherin in der Ehe gewesen und nun musste ich weiter machen, unter Beschuss. Natürlich gab es Verletzungen, natürlich gab es Vorwürfe, denn jeder von uns hatte Angst. Auch unser Sohn hatte Angst. Nur das sahen wir damals nicht. Wir befanden uns im Ehekrieg und der Auszug meines Sohnes und mir aus dem gemeinsamen Haus glich einer Flucht.

Ich bekam eine leise Vorstellung von dem, wie es ist, seine Heimat von Heute auf Morgen zu verlieren.

 

Die neue Unterkunft

Wohin flohen wir? Zu meinen Eltern, die meinem Sohn und mir eine vorläufige Unterkunft angeboten hatten: Mein ehemaliges Kinderzimmer, mit nicht einmal 12 qm.

Wann flohen wir? Am 30.Dezember, einen Tag vor Silvester… Länger wollte mein Mann damals nicht warten. Und ich konnte ihm nicht mal einen Vorwurf daraus machen. Vielleicht hätte ich genau so an seiner Stelle gehandelt.

Trotz Auszug wurde die Angst größer, sie stieg minütlich noch mehr: Denn ich floh mit meinem Kind zum Jahreswechsel in das Elternhaus zu den Eltern, mit denen ich mich nicht verstand. Ich hatte eine sehr unglückliche Kindheit, geprägt durch Gewalt und Alkoholismus, gepaart mit traumatischen Erlebnissen und Werten, die nicht unterschiedlicher sein konnten. Meine Alternative? Ein Frauenhaus? Mir fiel nichts ein und so ging ich mit meinem Sohn in die Höhle des Löwen, der meine Angst verstärkte, obwohl er mir Schutz versprach.

Aber was war mit Vertrauen? Schließlich war meine Kindheit schon längst vorbei und wir alle Erwachsene, die dazu gelernt hatten. Allerdings: Ich vertraute in meiner Angst niemandem mehr. Nur noch mir. Meine Stressreaktionen funktionierten hervorragend: Auf der Flucht ist man auf der Hut! Immer!

 

Angekommen im neuen Chaos

Nach dem Auszug wurde es… schlimmer. Jeder erzählte mir, was ich tun solle, jeder verurteilte mich, jeder fragte mich, wie ich mir dies und jenes vorstellte? Aber niemand fragte meinen Sohn und mich, wie wir uns fühlten.

Menschen geben gerne Ratschläge und meinen es damit gut. Aber das, was wirklich in solchen Situationen gut tut, vergessen viele: Eine Umarmung oder einfach nur ein Schweigen, bis der andere angekommen ist. Menschen können Stille nicht ertragen und manchmal glauben sie, immer reden zu müssen. Meine Familie und meine Freundin waren nicht anders zu diesem Zeitpunkt.

Am Abend unserer Ankunft in meinem Elternhaus erlebte ich die nächste Hölle: Ich saß am Wohnzimmer-Tisch, wurde von drei Seiten (meine Schwester, meine Mutter, meine Freundin) mit Worten und Fragen bombardiert und konnte keine Antworten geben. Ich beobachtete meinen Sohn, der auf dem Boden saß: Je lauter die anderen wurden, desto hektischer und lauter spielte er mit seinen Spielzeugautos. Irgendwann übertrug er seine Angst in Aggressionen und erzeugte im Spiel Autounfälle.

Als Hochsensible spürte ich alles in diesem Raum: Angst, Aggressionen, Wut, Unwissenheit, Trauer… Als Mutter wollte ich nur noch eins: Mein Kind beschützen.

 

Wie Angst wirken kann…

Aber in mir ließ die Angst nichts mehr zu. Sie war zur Panik geworden. Mein Körper glühte, meine Atmung wurde hektisch, mein Puls ging nach oben. Mein Innerstes sagte: Du musst entweder angreifen oder fliehen. Plötzlich sprang ich auf, versuchte zu fliehen.

Als sich jemand mir in den Weg stellte, schubste ich diese Person (ich weiß bis heute nicht, ob es meine Freundin oder meine Schwester oder meine Mutter war) zur Seite, schrie, schlug um mich und sprintete die Treppen in den ersten Stock, Richtung Badezimmer. Das Badezimmer im ersten Stock kannte ich zu gut, denn als Kind hatte ich mich oft dort eingesperrt, wenn ich Angst hatte oder den Rückzug suchte. Und heute tat ich das ebenso. Ich riß die Türe auf und sperrte sie hinter mir zu. Ich schrie erst weiter und konnte dann plötzlich weinen. Endlich weinte ich, nach drei Monaten seit meiner Entscheidung, mich zu trennen.

Die Angst hatte mich nur noch funktionieren lassen und alle Gefühle der Trauer verdrängt. Auf der Flucht ist kein Raum für Trauer…

 

Mein Sohn, meine große Liebe…

An dem Abend des 30. Dezember klopften viele Menschen an die Badezimmertüre und riefen nach mir. Aber der Einzige, der mich dazu brachte, sie zu öffnen und ihn herein zu lassen, das war mein Sohn. Er war der Einzige, der begriff, dass wir uns gegenseitig mit Liebe und einer Umarmung halten und stützen konnten. In dem Moment, als er durch die Türe in meine Höhle, dem Badezimmer kam, sagte er nur fünf Worte: Mama, ich hab dich lieb! Und mehr brauchte es nicht, um meiner Angst die Türe zu zeigen. Ich brauchte keine Angst zu haben, denn Nichts und Niemand war wichtiger, als mein Sohn.

 

Leben mit Angst

Alleinerziehende Mutter zu sein, bedeutet, die Verantwortung für alles im Leben mit einem Kind alleine tragen zu müssen. Alleinerziehend zu sein, bedeutet, Entscheidungen, die den Alltag und auch die Zukunft unserer Kinder betreffen, auch alleine treffen zu dürfen und manchmal auch zu müssen. Und es bedeutet auch, manchmal Mama und Vater gleichzeitig zu sein und oft die finanziellen Belastungen voll zu tragen, wenn der Vater oder die andere Mutter sich „rar macht“.

Wir haben immer wieder mal Angst. Vor allem dann, wenn unsere Kinder einen Unfall haben, krank sind, in der Schule nicht voran kommen, gemobbt werden oder mit Drogen in Kontakt kommen. Das ist alles erlaubt und auch manchmal notwendig. Wir lernen aber auch, mit dieser Angst alleine fertig zu werden.

Ich habe mir nach meinem Burnout (darüber schreibe ich in dem Beitrag mit dem Buchstaben B im Monat Februar) einige Instrumente gesucht und gefunden, die mir helfen, die Angst zu erkennen, anzunehmen und auch mal wegzuschicken, wenn sie nicht berechtigt ist. Aber darüber gibt es einen anderen Beitrag…

 

Meine Bitte…

Liebe Leser, wenn ihr jemanden kennt, der sich trennt und in die Rolle der Alleinerziehenden wechselt, so seid einfach im ersten Moment nur da für eure Freundin. Behaltet Ratschläge für euch, solange ihr nicht nach Rat gefragt werdet. Eine Umarmung und Verständnis sind manchmal sehr viel kraftvoller und wichtiger als Worte …

 

Vorschau auf den Beitrag im Februar:

Mama Allein, B – wie Burnout:

Burnout haben nur Manager und es ist nur ein schönes Wort für Depressionen für Geschäftsführer. Die Meinungen in der Gesellschaft über das Thema sind vielfältig. Ich aber weiß genau, was ein Burnout ist, denn ich durfte ihn erleben, vom Anfang bis zum Ende und das, obwohl ich weder Manager noch Geschäftsführer war…

 

 

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