Erwartungshaltungen …

Wer kennt sie nicht? Die Erwartungshaltungen?

Manche Erwartungshaltungen sind gerechtfertigt, andere machen unsere Beziehungen kaputt…

Es gibt sie im beruflichen Bereich:

Ein Arbeitgeber hat die Erwartungshaltung an seinen Arbeitnehmer, dass dieser für eine bestimmte Summe x in EUR eine Arbeitsleistung erbringt. Dafür wurde sogar im besten Fall ein schriftlicher Vertrag geschlossen. Im Gegenzug hat der Arbeitnehmer die Erwartungshaltung an seinen Arbeitgeber, dass er am Monatsende für die erbrachte Leistung auch den monetären Betrag x auf dessen Konto überweist.

Es gibt auch Erwartungshaltungen, die vertraglich nicht festgelegt sind. Diese können zum Beispiel sein: Ein Dresscode, das Leben von Werten und Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn die Führungsspitze sich selbst daran hält und nicht anders agiert. Diese Erwartungshaltungen beruhen auf Gegenseitigkeit …

 

Und dann gibt es Erwartungshaltungen gegenüber Familienmitgliedern, Verwandten und Freunden:

Da wird es dann schon etwas komplizierter. Hier wird nichts vertraglich festgestellt. Vieles hat den Ursprung in der Erziehung und in unserer Bedürfnisbefriedigung. Von der Mutter wird erwartet, dass sie sich um ihr Kind kümmert, ihm Liebe und Zuneigung zukommen lässt, dass sie den Säugling stillt … Das sind ihre grundlegenden Aufgaben. Sie haben ihren Ursprung in der Befriedigung unserer Grund-Bedürfnisse: Nach Essen, Liebe, Zuneigung, Vertrauen und Schutz.

Und dann kommen die Erwartungen, die uns von anderen, vor allem aber von unseren eigenen Ansichten „aufgezwungen“ werden und uns und andere stressen können: Für den Ehepartner eine gute Frau zu sein, sich um den Wohnungsputz, die Wäsche, den Haushalt, das Essen im Allgemeinen, die eigenen Eltern, die Schwiegereltern, den Hund, die Katzen, die Freunde … usw. usw. zu kümmern. Und natürlich kommt on Top die Erwartung an die eigene Karriere …

 

Und somit sind wir beim Pudels Kern angekommen:

Weshalb fühlen sich gerade Mütter in unseren Breitengraden diesen Erwartungen verpflichtet? Wer bestimmt, welche Erwartungshaltung gut und welche schlecht ist?

Unsere Kindheit und unsere Erziehung haben einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Erwartungshaltungen.

Wir werden von unseren Eltern, Freunden, Lehrern und Verwandten stark geprägt. In unserer Kindheit und unserer Jugend entwickeln sich unsere ersten (potentiellen) persönlichen Stressverstärker, die wir in unsere Beziehungen und Arbeitsverhältnisse umzusetzen versuchen. Wenn wir als Kinder gelernt haben, dass Mütter alles können und stark sein müssen, haben wir als Erwachsene den Stressverstärker „sei stark“ mitgenommen. Wurden wir streng erzogen und haben wir nur dann, wenn überhaupt, Anerkennung erhalten, wenn wir ausgezeichnete Leistungen erbracht haben, sind wir möglicherweise zu Perfektionisten geworden, suchten wir nach Liebe und Anerkennung, hat es uns zum „sei beliebt-Typen gemacht und sind wir immer wieder gescheitert, wurden wir zum „ich kann nicht – Typen“…(mehr zu den persönlichen Stressverstärkern gibt es im April zu lesen). Genau diese Stressverstärker prägen uns auch in unserer Erwartungshaltung.

 

Erwarte von anderen nicht das, was Du selbst tust … – gib anderen die Chance, es freiwillig zu tun …

Das klingt hart? … Wenn wir Erwartungshaltungen an andere haben, sollten wir sie immer überprüfen und reflektieren.

Fragen wir uns einfach:

1. Erwarte ich von einer Person genau das, was ich selbst tun würde?

2. Ist die Erwartung gerechtfertigt und kann die Person XY dies auch leisten?

3. Passen meine Erwartungen in dessen Lebenskonzept / Lebens-Situation?

4. Passt meine Erwartung zu seinem Charakter?

5. Welches Bedürfnis liegt hinter meiner Erwartung?

 

Aus dem Nähkästchen geplaudert …

Als ich meinen heute besten Freund vor einigen Jahren kennen lernte, erlebten wir wirklich harte Zeiten. Wir kollidierten bei diversen Themen. Unter anderem dann, wenn es darum ging, etwas gemeinsam zu unternehmen. Irgendwann sagte er mir: „Kleines, ich tue die Dinge, weil ich es möchte und wenn ich es will. Und nicht, wenn Du es erwartest!“ Ich war perplex, denn so eine Ansage hatte ich bis dahin noch nie erhalten. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um es anzunehmen und auch zu verstehen. Heute bin ich selber so und schätze diese Eigenschaften auch bei meinem Gegenüber. Denn niemand ist ehrlicher, als ein Mensch, der die Dinge, die er tut, nicht aus der Verpflichtung heraus  sondern aus reiner Freude und aus vollem Herzen tut.

 

Wie ich heute lebe …

Manchmal begegnen mir Freunde, die mich fragen, warum ich mich so lange nicht gemeldet habe. … Dann erkläre ich, dass ich sie nicht vergessen habe, sondern dass ich in der Zeit einfach zu viel zu tun hatte.

Ich melde mich dann nicht, weil ich mich nicht zwischen Tür und Angel und ganz schnell um sie kümmern möchte, sondern ihnen die Zeit widmen will, die ihnen zusteht. Ich melde mich dann einfach erst, wenn ich auch die Zeit aufbringen kann. Genau so ist es, wenn ich einem Freund / einer Freundin eine Mail oder eine Nachricht sende: Für mich ist nicht die schnelle Reaktion wichtig, sondern die Reaktion zu der Zeit, in der sich mein Freund/meine Freundin uns in Ruhe widmen kann. Meine Erwartung liegt darin, nichts zu erwarten und mich zu freuen, wenn sich der andere meldet … Und wenn er es nicht tut, dann hatte er einfach nichts dazu zu sagen oder einfach keine Zeit.

 

Das ist meine Art der Wertschätzung: Nicht zwanghaften Erwartungen zu entsprechen, sondern in Ruhe und aus freiem Willen das zu tun, was ich tu, oder was der andere tun möchte.

Genau deswegen schätze ich es sehr, wenn Menschen auch mir gegenüber so handeln und ehrlich sind. Erwartungen erzeugen Druck, Ausflüchte, Entschuldigungen, Zwang und Stress im Privatleben. Auf beiden Seiten. Wenn wir aber aus freien Stücken und aus unserem eigenen Willen heraus handeln dürfen, ist unser Herz dabei… und für den anderen die reine Freude.

 

Dieser Beitrag ist allen meinen Freunden gewidmet, für die ich im Augenblick nicht so viel Zeit habe, wie ich es gerne hätte …

Fotos: pixabay.com

 

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