Hochsensibel und ein Scanner-Typ – Meine Erfahrungen…

Wer kennt nicht den Ausdruck „Hochsensibel“? Und wo kann man sich auf die Schnelle schlau machen?

Hochsensibilität, kurz HSP, beschreibt KEINE Erkrankung, sondern einen Wesenszug.  Dr. Elaine Aron hat den Begriff Highly Sensitive Person geprägt. (und so kommt das Kürzel HSP auch zustande).

Im Internet gibt es viele Berichte zum Thema und auch Selbsttests. Die besten online Tests für den ersten Check sind auf den Seiten Zart besaitet (Plattform für HSP)* und der Open Mind Akademie* zu finden. Gans besonders gut finde ich die Option, bei der Open Mind Akademie zu prüfen, inwieweit man ein Scanner-Typ ist.

Es gibt noch viele Blogbeiträge von Betroffenen zum Thema, genau so wie einen Artikel von der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2018. *

 

Sensibelchen?

Früher als Kind (in den siebziger Jahren) habe ich vieles wahrgenommen, geträumt und vorhergesagt. Barsche Worte der anderen haben mich hart getroffen, Stimmungsschwankungen von meinen Freundinnen haben mich in „Habacht-Zustände“ versetzt, ich konnte Aggressionen, Trauer, Wut und alle Gefühle der Menschen, die im gleichen Raum wie ich waren, sofort wahrnehmen. Ich wurde als Sensibelchen beschimpft, wenn ich weinte oder meine Ängste äußerte. Die Menschen um mich herum haben mich ausgelacht und ich fing an, mich immer mehr in mein Schneckenhaus zu verkriechen, wurde stiller, unscheinbarer, am Ende sogar unsichtbar.

Ich begann im Teenager-Alter zu meditieren und gewann dadurch mehr Stabilität. Trotzdem blieben die Schwingungen und die Empathie. Meine Berufswünsche waren vielseitig: Ich wollte bei Greenpeace die Welt retten, als Lehrerin unterrichten oder als MTA oder Biologin die Welt erkunden. Ich schrieb gerne Geschichten, lernte biologische Zusammenhänge sehr schnell und nur beim Zuhören und war auch künstlerisch so begabt, dass mir alle sagten, ich solle doch Kunst studieren. Als Sozialpädagogin zu arbeiten, hätte mir auch Spaß bereitet oder vielleicht doch lieber als Psychologin die Menschen erkunden, oder vielleicht doch als Journalistin arbeiten? Meine Eltern zerschmetterten alles und sagten, ich solle doch lieber eine Banklehre machen. Das könne ich als Sensibelchen besser, da Zahlen und Fakten nicht mit Gefühlen verbunden sind und ich hätte ein regelmäßiges Einkommen …

 

Empathische Bankerin und Credit Controllerin …?

Ich war eine sehr gute Bankkauffrau, baute mit Mitte Zwanzig eine Wertpapierabteilung bei einer kleinen Privatbank in München auf  und war vor allem ausgezeichnet in der Aktienberatung. Ich verließ mich ausschließlich auf meine Gefühle, wenn ich einen Artikel über neue Fonds und Wertpapiere las. Meine Kunden machten so viel Gewinn, dass sogar mein Vorgesetzter mich fragte, wie ich das anstellte… Damals fehlten mir die Worte dazu. Ich sagte einfach nur, ich recherchiere gut. Hätte ich gesagt, dass ich es in der Magengegend spüre, ob etwas passt oder nicht, sie hätten mich damals, in den 90er Jahren, verspottet.

Als ich von der Bank in die Wirtschaft wechselte, konnte ich sofort fühlen, wenn mich die Kunden belogen. Niemand glaubte mir, aber die Zahlen am Ende des Jahres bewiesen, ich hatte Recht. Ich war wieder sehr erfolgreich in dem, was ich tat. Und immer dann, wenn ich genug Wissen angesammelt hatte, fing ich neue Projekte an. Für manche Vorgesetzte aus anderen Abteilungen wurde ich unbequem, weil ich über den Tellerrand hinausschaute und sie sofort einschätzen konnte. Mein Wissensdurst kannte keine Grenzen, meine Arbeitgeber gaben mir Grenzen.

 

Eine Feststellung und viele Fragen…

Egal in welchem Bereich ich anfing, ich arbeitete mich engagiert und schnell ein und als ich es konnte, wurde mir langweilig und ich suchte mir etwas Neues. Ich fühlte mich von Strukturen eingeengt, der Gedanke, bei einem Arbeitgeber bis zu meinem Lebensende zu bleiben, verursachte in mir Panik. Gedanken, wie „ich arbeite auf die Rente hin“, waren für mich verstörend und machten mir ebenso Angst. Ich fing an, meine Arbeitgeber öfter zu wechseln …

Mir wurde von meiner Familie und manch anderen Menschen auch im Erwachsenenalter gesagt, ich sei zu sensibel, hätte kein Durchhaltevermögen…

Ich wusste, ich war auf der Suche. Nur wusste ich nicht wonach und dachte, ich müsste nur DEN perfekten Job bekommen, dann wäre alles okay. So wie bei all den anderen Menschen. Ich wollte doch einfach nur normal sein …

 

Ein Burnout und neue Erkenntnisse…

Dass ich einen Burnout erleiden musste, war eine klare Sache. Ich lebte ein Leben, das nicht für mich bestimmt war. Menschen sagten mir, das käme von meinen vielen Interessen und ich müsse mich doch fokussieren, andere sagten, es käme von meiner Erziehung und manche behaupteten, meine erlebten Traumata wären schuld daran. Ich wurde sogar gefragt, ob ich eine „Borderline-Störung“ hätte oder gar „Manisch Depressiv“ sei. Natürlich habe ich es bei Therapeuten gegengecheckt: Nein, ich passte in keins dieser Schemata…

Heute, als zertifizierter Coach für Stressmanagement und Burnoutprävention, Achtsamkeitstrainerin und Meditationslehrerin, weiß ich: Alles spielte eine gewisse Rolle, aber die Hauptursache meines Zusammenbruchs lag darin, dass ich viele Jahrzehnte nicht der Mensch sein konnte, der ich war und nicht wusste, wer ich eigentlich tatsächlich war…

Als ich über das Thema HSP per Zufall stolperte (okay, es gibt keine Zufälle, alles kommt zur rechten Zeit, wenn wir bereit dafür sind …), las ich mich in das Thema ein und mir wurde nach einigen Tests und Lektüre klar: Ich war Hochsensibel.

 

Hochsensibilität hat viele Gesichter…

Nach vielen Recherchen und guten Büchern zum Thema erkannte ich, Hochsensibilität ist nicht bei allen gleich. Es gibt unterschiedliche Formen der HSP. Eine sehr gute Freundin von mir ist ebenso hochsensibel und vom Typ ganz anders als ich. Also machte ich wieder Tests und hörte weitere Hörbücher und stellte bei mir den „Scanner-Typ“ fest (wobei es auch hier wieder unterschiedliche Typen gibt).

 

Scanner, du darfst so sein, wie Du bist….

Der Scanner-Typ hat viele Talente und noch mehr Interessen. Manche sind derart gestrickt, dass sie nie etwas fertig bringen, andere konzentrieren sich auf ein Thema bis sie es können und dann werden sie gelangweilt und suchen sich ein neues Thema. Andere Scanner wiederum haben gelernt, mehrere Dinge auf einmal zu tun und dabei wie ein Jongleur alles am Laufen zu halten.

Wer ein Scanner ist, ist vielseitig, facettenreich und dessen Interessen sind selten auf einem Gebiet zu finden.

Lieber Scanner, das ist in Ordnung, Dein Geist braucht das und Du bist so okay, auch wenn die meisten Menschen Dich nicht verstehen…

 

Was ein Scanner viel zu oft zu hören bekommt…

Wer ein Scanner ist, bekommt oft folgende Aussagen zu hören:

  • Jetzt mach doch erst das Eine fertig
  • Du kannst doch nicht so viele Bücher auf einmal lesen, lies doch erst das Eine fertig…
  • Du verzettelst Dich
  • Fokussiere Dich doch erstmal auf ein Thema
  • Nie machst Du was zu Ende
  • Bist Du sicher, dass Du kein Borderliner bist?
  • Du brauchst einfach nur eine Sache, die Dich begeistert
  • So viele Dinge auf Einmal kann man doch gar nicht tun
  • Schon wieder ein neues Thema? Mach doch erst das Andere fertig….
  • Ich wäre an Deiner Stelle gestresst, mit so vielen Baustellen
  • Das ist doch kein Wunder, dass Du nie fertig wirst, mach doch erstmal das Eine

Ich könnte den ganzen Tag so weiter schreiben.

HSP, die auch noch Scanner sind, tun sich in der Tat in dieser Welt schwer, weil jeder sie in Schubladen schieben möchte. Es mag ja gut gemeint sein, aber genau das macht uns Scanner tatsächlich das Leben schwer. Es gibt Momente, in denen wir diese Sätze nicht mehr hören können und wollen und uns dann lieber gleich zurück ziehen.

 

Dabei sollte auch für Scanner gelten: Du darfst so sein, wie Du bist. Und das ist absolut in Ordnung!

 

Wie sich ein Scanner fühlt, wenn er nicht alles unter einen Hut bringen kann…

Bis ich feststellte, dass ich ein Scanner bin, fühlte ich mich oft hin und her gerissen. Seit ich in der Selbständigkeit bin, öffnen sich mir so viele neue Türen. Ich fühle mich an manchen Tagen wie ein Kind im Süßwaren-Geschäft und ich kann mich nicht entscheiden, was ich zuerst probieren soll… – Inzwischen habe ich den Dreh raus, wie ich mit Atem-Übungen und Meditation da wieder raus finde.

Sicher, es hat dann doch eine Zeit gebraucht, mir einzugestehen: Ich darf alles, gerne auch auf einmal, aber nicht plan-und kopflos. Ich brauche einen strukturierten Alltag und konkrete Termine und Daten. Wer Probleme hat, mit mir Termine zu vereinbaren, und lieber auf dauerhafte Spontanität baut, kann mich nicht verstehen und nennt mich unflexibel. Aber diese Organisation benötige ich ganz dringend, da ich sonst wieder im Süßwarenlager stehe und mich nicht entscheiden kann … Wer? Wo? Wie? Was?

Der Moment meiner Erkenntnis verursachte in mir eine ganz große Erleichterung und die Gewissheit: Ich bin in Ordnung, so wie ich bin.

Ich distanziere mich inzwischen von Menschen, die mir immer wieder sagen, ich solle mich auf eine Sache festlegen. Denn diese Menschen sind es, die mich in die  Stressfalle locken und nicht meine vielen Themen.

Wenn ich an einem Wochenende drei unterschiedliche Dinge tu, habe ich ein perfektes Wochenende. Schade ist dann, wenn Freunde und Bekannte, mir wieder den Stressfaktor aufzwingen wollen: Liebe Alle, für mich sind solche Tage das Leben meiner Leidenschaften und sicher kein Stress. Erst heute hatte ich diese Diskussion mit meiner Nachbarin… Als ich vehement meine Position verteidigte, hörte sie auf. Aber warum muss ich mich immer wieder verteidigen? Ich will das nicht!

Aus meinen vielen Interessen ziehe ich so viel Energie, dass manche sich darüber nur wundern. Die Tatsache mich festlegen zu müssen, bringt mich allerdings dazu, eine Art Lähmung oder Blockade zu erleben und voller Angst zu sein.

 

Wie ich meine Lösung für mich fand ….

In meinem Kopf befinden sich so viele Ideen, dass ich eigentlich mindestens 100 Jahre alt werden müsste, oder noch älter, um sie auch in die Realität umsetzen zu können.

In den letzten drei Monaten habe ich bewusst keine Blogbeiträge geschrieben und ein bisschen in meinem Kopf aufgeräumt.

Ich habe mir ein Ideenbuch angelegt, das ich nutze. Es ist so eins, wie Da Vinci und Co es hatten – total durcheinander, ohne Rahmen und ohne Konzept… . Den Tip bekam ich aus einem meiner Bücher, die ich im Anschluss hier noch verlinke.

Ich habe vor einer Woche die fünf mir wichtigsten Projekte herausgesucht und eine Zeitlinie erstellt: Wann will ich was erreicht haben? Meine Zeitlinie geht fünf Jahre. In zwei Jahren beginne ich mit den nächsten Projekten, da dann zwei wieder wegfallen, da ich sie bis dahin erledigt haben sollte …

Einen Stundenplan hatte ich bereits einmal erstellt und festgestellt, dass er zu eng für mich gestrickt war. Ich habe nun einen Wochenplan: Jeder Tag der Woche gehört einem bestimmten Projekt.

Meine große Vision, die mir ganz besonders am Herzen liegt, habe ich priorisiert und alles andere drumherum auf das gleiche Thema angeglichen: Achtsamkeit und Gesundheit. Und trotzdem habe ich die Freiheit, die ich brauche, aber diesmal mit einem roten Faden. Seit diesen Schritten spüre ich wieder die große Energie in mir und fühle mich wohler wie noch nie.

 

HSP – Du bist in Ordnung, auch wenn nur 10 Prozent der Bevölkerung Deine Gefühle nachvollziehen kann…

Die Hochsensiblen sind in der Minderheit, und deswegen viel zu oft nicht verstanden. Hier ist mein Appell an Freunde, Familienmitglieder und auch an die Gesellschaft: Nehmt uns Hochsensiblen so wie wir sind,  hört auf, uns in eure eigenen Schubladen hineinzupacken und  uns eure Regeln aufzwingen zu wollen. Gebt uns bitte Freiraum, Akzeptanz und Verständnis.

 

Hier noch meine Buchempfehlungen zum Thema (Links im einzelnen Titel hinterlegt):

1.Barbara Sher, Du musst Dich nicht entscheiden, wenn Du tausend Träume hast**

2. Silvia Harke, Hochsensibel – Was tun? – CD**

3. Dr. E.Aron, Sie sind hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen…**

*Einfache Links hinterlegt

**Affliate-Links hinterlegt

(Foto: Pixabay.com)

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