Die Kunst des Loslassens, oder was mich heute nicht los lies

Wir mussten damit bereits in jungen Jahren beginnen:

Das Loslassen von der Mutterbrust, vom Lieblingsschnuller, vom verloren gegangenen Teddybären, von der ersten großen Liebe. Und dennoch haben wir diese Traumen überlebt, obwohl es uns im Augenblick des Verlustes das Herz fast zerrissen hätte. Aber war es wirklich der Schmerz des Verlustes? War es nicht eher der Schmerz, sich mit einer neuen, unbekannten Situation zurecht finden zu müssen, wie wir es uns so nicht gewünscht hätten? Wenn wir von Dingen oder Menschen Abschied nehmen, fühlen wir Trauer. Die Trauer darüber, die Sache oder die Person nicht mehr sehen zu können oder sie nicht mehr zu besitzen. Sind wir also Wesen, die Besitz anstreben? Menschen, die in polyamoren Beziehungen leben, sagen, Monogamisten würden einen Besitzanspruch ausleben. Haben sie etwa Recht mit dieser Behauptung?  Ist Besitz tatsächlich etwas so wichtiges, dass wir unseren persönlichen Wert daran bemessen?

Warum haben wir manchmal als Erwachsene Verlustängste, mit denen wir teilweise nicht mehr zurecht kommen? Die Angst vor Arbeitsplatzverlust oder vor dem Verlust des Partners, der Freundin, des Freundes oder der Heimat kann uns in existenzielle Krisen stürzen. Sie prägt uns.

Was passiert, wenn diese Angst zu unserem Peiniger wird? Wir beginnen zu klammern, machen uns zu ihre Sklaven, binden uns und den anderen auf ungesunde Art und Weise. Psychotherapeuten verdienen ihr Geld damit, uns oder andere von diesen Ängsten wieder zu befreien, damit wir ein normales Leben führen können.

Jeder von uns hat etwas oder jemanden, von dem er sich nicht trennen möchte. Gerade wir Mütter möchten unsere Kinder in Sicherheit wissen, fürchten uns am meisten davor, unseren Nachwuchs zu überleben. Das ist zumindest meine persönliche und größte Angst. Für mein Kind würde ich mich selbst sofort opfern. Aber für ein Haus, ein Auto? Nein, da ist es mir ehrlich gesagt gleich, was mit diesen Dingen passiert.

Also hat das Loslassen und das daraus resultierende Schmerzempfinden auch eine Bedingung: nämlich die, ob es sich um eine Sache handelt oder um einen Menschen. Und doch fiele es mir leichter, mich von einem Partner zu trennen, als von meinem Kind.

Die Kunst des Loslassens: sie hängt von vielen Faktoren ab. Was uns am meisten prägt, dass sind unsere Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen durften. Wurden wir immer wieder von wichtigen Bezugspersonen getrennt, ist es heute schwerer für uns eine gesunde Beziehung zu führen. Unser Vertrauen ist angeknackst und wir müssen daran arbeiten, wieder vertrauen zu dürfen. Das ist allerdings nicht so leicht, wie es sich anhört. Der Begriff der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ schwebt über uns.

Warum ich das so genau weiß? Weil ich selbst so ein Mensch bin. Während meiner Kindheit wurde ich von einem Platz zum nächsten gepflanzt und habe eine wichtige Bezugsperson nach der anderen wieder verlieren müssen.

Seit ein paar Jahren arbeite ich an meinem persönlichen Prozess des Loslassens: erst war es mein Exmann, mit dem ich keine Gemeinsamkeiten hatte. Dann lies ich unser gemeinsames Haus, mein kostspieliges Auto, liebgewonnene Bücher, Bilder und anderen Schnickschnack los.

Was soll ich sagen? Es fühlt sich befreiend an. Wider Erwarten habe ich das Gefühl, die nächste Ebene in meinem Leben erreicht zu haben, in welcher der Materialismus und der Besitzanspruch „ade“ sagen und die Selbsterkenntnis und Selbstliebe immer näher rücken. Was das Ziel von allem ist, werde ich sehen, wenn es soweit ist.

Jetzt aber zählt erst einmal nur der Weg zur Kunst des Loslassens.

(Foto: fotolia.com)

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